Lesen

Da mich immer wieder die Frage erreicht, welche neueren Romane ich empfehle oder wo eigentlich meine Liste mit Büchertipps abgeblieben ist: ich arbeite im Geheimen an einer verbesserten Rezeptur der Liste und werde sie irgendwann wieder online stellen – promised. Bis dahin gibt es zum Sommerausklang schon mal ein paar Tipps. Bei aktuellen Romanen bin ich leider nicht der Schnellste, es gibt einfach zu viele alte und moderne Klassiker zu entdecken; aber diese neueren Werke begeisterten mich im letzten Jahr dann doch. So unterschiedlich sie auch sein mögen, sie lassen sich allesamt wunderbar lesen – und berühren und beschäftigen einen weit darüber hinaus.

DIE WUT, DIE BLEIBT

Wenn ich den Wunsch frei hätte, dass möglichst viele Menschen ein Buch lesen, dann wäre es dieses hier von Mareike Fallwickl. Während eines Abendessens steht eine überforderte Mutter von drei Kindern vom Tisch auf – und springt ohne ein Wort vom Balkon in den Tod … das sind die ersten beiden Seiten. Fortan schildert die Geschichte abwechselnd, wie die beste Freundin und die älteste Tochter der Verstorbenen mit diesem Verlust umgehen und wie sich dabei nach und nach ihre Wut entfaltet. Auf was oder wen? Das möchte ich hier nicht verraten, das muss man selbst erlesen. Je nachdem, wer das Buch in der Hand hält, dürfte es dabei wie ein Spiegel für den eigenen Zorn wirken – oder durchaus auch für die eigene Unzulänglichkeit. Die Wut, die bleibt ist ein wuchtiges feministisches Meisterwerk voller klug entworfener und differenzierter Figuren, mit einem präzisen Blick auf das, was in unserer Gesellschaft nach wie vor schiefläuft. Ein schmerzhaft zudrückender Finger in der Wunde, und zugleich ein grimmiger, aufwühlender und absolut großartiger Pageturner, der einen nicht kalt lassen kann.

(Und auch das quasi-Nachfolgebuch Und alle so still ist sehr zu empfehlen und nicht minder stark. Eine radikale, ermutigende Utopie, die es sich nie leicht macht und kühn weiterdenkt, was alles möglich wäre.)

 

MÄRTYRER!

Kaveh Akbars Roman wartet mit einem der wohl unvergesslichsten Helden der letzten Jahre auf: Cyrus Shams, ein iranisch-amerikanischer Dichter, der sich nach dem Verlust seiner Eltern mehr schlecht als recht durchs Leben schleppt, immerhin aber seit zwei Jahren trocken ist. Die Beziehung zu seinem Mitbewohner Zee: in jeder Hinsicht ungeklärt. Doch am meisten beschäftigt Cyrus der frühe Tod seiner Mutter, deren iranisches Passagierflugzeug Ende der 1980er-Jahre versehentlich von einem amerikanischen Kriegsschiff abgeschossen wurde. Sein eigener Tod soll nicht so bedeutungslos sein wie ihrer, auch deshalb schreibt er gerade an einem Buch über Märtyrer. Da trifft es sich gut, dass eine todkranke iranische Künstlerin aus ihren letzten Tagen eine Kunstinstallation gemacht hat; täglich kann man sie in einem kleinen Museum in Brooklyn besuchen, um ihr beim Sterben zuzusehen. Cyrus reist nach New York, um sie für sein Buch zu interviewen, ahnt aber nicht, wie sehr dabei sein eigenes Leben auf den Kopf gestellt wird  … Das ist in etwa die Rahmenhandlung, und was Kaveh Akbar daraus gemacht hat, ist nicht weniger als hinreißende, poetische Erzählkunst. Ein Buch, das wild zwischen dem Amerika der Gegenwart und dem Teheran der 1980er-Jahre hin- und herspringt, voller origineller Gedanken, Bilder und Figuren, und dabei so abgrundtief traurig wie komisch.

 

MORGEN, MORGEN UND WIEDER MORGEN

Dieser Roman von Gabrielle Zevin ist wahrscheinlich eine der schönsten Geschichten, die ich in den vergangenen Jahren las. Sadie und Sam lernen sich in einem Kinderkrankenhaus kennen; sein Fuß wurde bei einem Unfall zerstört, sie besucht ihre krebskranke Schwester und freundet sich eher aus Mitleid mit ihm an. Fortan kreuzen sich ihre Wege immer wieder, vor allem später auf der Uni. Beide sind seit ihrer Kindheit begeisterte Gamer und beschließen, eine eigene Firma zu gründen. Sie das Programmiergenie mit kühnen Ideen, er – angetrieben von seiner schwierigen Jugend – nicht minder entschlossen, etwas Großes zu vollbringen. Und tatsächlich: In der Pionierzeit der Neunzigerjahre entwickeln sie zusammen das revolutionäre Spiel „Ichigo“, das weltweit Erfolg hat. Doch so nah sie sich dabei kommen, so perfekt sie einander auch in den folgenden Jahren ergänzen; immer scheint etwas zwischen ihnen zu stehen, nicht nur die Frage, was sie füreinander empfinden – oder der gemeinsame Collegefreund Marx … Man muss kein Faible für Games haben, um dieses Buch zu mögen (eine gute Freundin von mir hat noch nie Videospiele gespielt und den Roman geliebt), denn im Kern steht vielmehr eine grandios erzählte Geschichte über mehrere Jahrzehnte, mit tollen, vielschichtigen und komplexen Charakteren. Ein potentielles Lieblingsbuch, in dem ich noch lange nach dem Lesen schwelgen konnte.

 

MAN VERGISST NICHT, WIE MAN SCHWIMMT

Das war meine Ferienlektüre vor genau einem Jahr, und noch immer denke ich oft an die Geschichte von Christian Huber. Die Handlung ist dabei klassisch: es geht um diesen „einen Sommer“ der Jugend, hier im Jahre 1999 in einem bayerischen Kaff. Im Zentrum stehen der 15jährige Außenseiter Pascal, sein bester Freund Viktor – und Jacky, die mit einem Zirkus reist und gerade für ein paar Tage in der Stadt ist. Warum Pascal nur Kryger genannt wird und nicht mehr schwimmen möchte, weiß man anfangs nicht, man ahnt nur: im Folgenden wird noch etwas Großes passieren … Um es kurz zu machen: Das Buch hat mich umgehauen wie in diesem Bereich nichts mehr seit dem genialen „Eine wie Alaska“ von John Green. Es gab Momente gegen Ende, da blätterte ich beim Lesen so atemlos weiter, als würde mir jemand eine Waffe an den Kopf halten. Später las ich manche Seiten dann noch mal in Ruhe. Weil ich vor Spannung zu schnell durchgehetzt war – und weil ich mich von dem Buch noch nicht lösen konnte. Was für eine mitreißende und berührende Coming-of-Age-Geschichte, und: Was für eine wunderbare, melancholische Liebesgeschichte. Ein Hit!

 

AUF ALLEN VIEREN

Dieses Buch ist ein Ereignis. Im Kern steht eine 45jährige Künstlerin, deren Reise nach New York – erstmals so lange ohne Mann und Kind – früh entgleist. Statt wie geplant endlich mal einen Road Trip durchs ganze Land zu machen, nistet sie sich schon im nächstbesten Motel in der Nähe ein; besessen von einem jungen Typen in einer Autovermietungsfirma, den sie zufällig beim ersten Tankstopp getroffen hat und der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht. Was folgt, ist ein wilder Ritt durch eine weibliche Midlife-Crisis und über alle Normen und sexuellen Konventionen hinweg; zwischen Begehren und verschütteter Liebe, Wechseljahren und Queerness, Lebenskrisen und Lebenslust. Nach der Lektüre habe ich mich gefragt, welches Adjektiv diese Geschichte wohl am besten beschreibt, und dachte erst: „entfesselt“. Aber noch mehr würde ich sagen: „aufrichtig“. Das Buch ist aufrichtig ehrlich, aufrichtig berührend, aufrichtig explizit, manchmal auch aufrichtig verzweifelt, und bei all dem immer wieder so komisch und tiefgründig, dass man es kaum glauben kann. Miranda July ist eine fantastische Beobachterin und Wortfinderin und mixt einen Cocktail, wie es ihn in der Literatur bisher nur selten gab. „Auf allen vieren“ ist ein originelles, auf seine Weise fast magisches Werk, vielleicht nicht für jede*n, aber die, die es trifft, trifft es richtig.

 

JAMES

Hemingway sagte mal, dass die amerikanische Literatur erst mit Mark Twains „Huckleberry Finns Abenteuer“ von 1884 begann – doch wie wir jetzt erfahren, war dieser Roman von Anfang an unvollständig. Den fehlenden Teil hat nun der Autor Percival Everett mit seinem Werk „James“ nachgereicht. Denn dieser James ist in der Literaturgeschichte nicht irgendwer – es ist der Sklave Jim, mit dem Huck einst auf dem Floß in die Freiheit floh. Bei Mark Twain redet er Kauderwelsch und Slang und kann nicht lesen, bei Everett lernen wir, dass das Tarnung ist, um keinen Ärger mit den Weißen zu riskieren. In Wahrheit hat sich James nicht nur das Lesen selbst beigebracht, er ist auch selbst ein gewitzter Erzähler. Und so schildert er uns die bekannte Geschichte der Flucht mit Huck einfach noch mal durch seine eigene Perspektive: die des geistreichen Beobachters, der seine Umgebung skizziert. Und zugleich die des entlaufenen Sklaven, für den jede Begegnung mit Weißen den Tod bedeuten kann  … Irgendwann las ich Twains Klassiker parallel nach Jahren wieder – und erkannte fasziniert, wie unterschiedlich die gleichen Ereignisse jeweils geschildert wurden. Während etwa der „Herzog“ und der „König“ aus der Sicht des weißen Jugendlichen Huck nur zwei fast schon amüsante Gauner sind, die eine Weile mit dem ungleichen Duo den Mississippi entlang schippern, werden sie aus der realistischeren Perspektive von James zu zwei lebensgefährlichen Rassisten. Was Everett wiederum mit Twain vereint, ist sein hintersinniger Humor – und sein Blick auf das Herz der Menschen, durch alle Unterschiede hindurch; weshalb Huck und James auch bei ihm zu Freunden werden. Ein weiser, ironischer, metafiktionaler Lesespaß, nach dessen Ende man sagen kann: Erst jetzt ist die Geschichte von Huckleberry Finn wirklich komplett. Und vor allem: Erst jetzt ist es die Geschichte von James auch.

 

P.S. Das waren die Romane aus meinem vergangenen Lesejahr, die ich hier eigentlich empfehlen wollte. Nun kam aber noch eine Art, ähm, letzte Eilmeldung herein … aus Rocky Beach. Wer bei diesem Ort sofort hellhörig wurde, für den ist noch der folgende Spezialtipp:

DIE AUFERSTEHUNG

Es ist kurios: Ursprünglich sind die drei ??? eine amerikanische Buchreihe (dort: „The Three Investigators“, mit den Namen Jupiter Jones, Peter Crenshaw und Bob Andrews), doch ihren wahren Erfolg hatten sie in Deutschland. Was auch an den fabelhaften Hörspielen liegt. So soll es nicht wenige Menschen geben, die nicht nur als Kinder die Fälle rund um das Aztekenschwert oder den Karpatenhund lasen, sondern auch als Erwachsene den alten Folgen lauschen (und dabei wohl auf ewig den nervig herumkrächzenden Papagei Blacky verfluchen). Und für diese Menschen gibt es nun eine Empfehlung: „Die Auferstehung“ von Andreas Eschbach. Denn die Frage ist: Was wurde eigentlich aus den ewig jugendlichen Detektiven? Was wäre, wenn sie sich mit Mitte fünfzig aus den Augen verloren haben, teils auch im Streit – und nun gezwungen wären, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Fall zu übernehmen? Können sie das noch? Für Fans der Reihe sind die Antworten im Buch ein riesiges Vergnügen, auch weil Eschbach die Geschichte sinnvoll weitererzählt. Ein Teil des Charmes sind dabei die liebevollen Anspielungen auf die Vorlage (Highlight: Der bewusst unlustige Gag am Ende, wie in den Hörspielen). Doch vor allem überzeugen die Schilderungen der nicht mehr taufrischen Detektive – und auch der Kriminalfall selbst um eine totgeglaubte und nach sieben Jahren auferstandene junge Frau ist raffiniert aufgebaut und spannend. Ein großer Spaß für alle, die noch immer wissen, was auf der berühmten Visitenkarte steht.