“UTO late” – Kinoreihe mit Talk in Zürich

Aus den Tiefen eines altehrwürdigen Zürcher Programmkinos kommt die Veranstaltungsreihe, nach der niemand verlangt hat: das UTO late. Wie es ist, ohne nennenswerte Erfahrung (oder Skills) so ein Format auf die Beine zu stellen – vom krachenden Scheitern des ersten Abends bis zu den großen und kleinen Schritten unterwegs -, kann man hier nachlesen. Der Fortgang unseres Experiments wird nach jeder Ausgabe aktualisiert, so lange es den Filmtalk gibt.

 

Die zweite Ausgabe (Oktober 2022)

Das Gute am zweiten Abend war – und dieser Spruch ist ausnahmsweise mal nicht untertrieben – es konnte unmöglich schlechter werden. In den Monaten nach der ersten Show hatten wir uns mit Erinnerungen an unser Versagen gequält (“Weißt du noch, wie das auch noch danebenging?”), uns immer wieder Asche aufs Haupt geschmiert und Besserung gelobt.

Unsere Erste-Hilfe-Maßnahmen: Vielleicht waren über vier Stunden “ein bisschen” viel. Wir würden den Film also nicht mehr am selben Abend zeigen wie unseren Talk, sondern am Tag davor. Mit der Autorin Simone Lappert hatten wir im Gegenzug einen hochkarätigen Gast gewonnen. Gemeinsam hatten wir uns lustige und ernste Fragen für sie überlegt, neue Bühnendekorationen organisiert und beschlossen, von nun an beide am selben Tisch zu sitzen. Dazu gab es diesmal Handmikros – auch auf die Gefahr hin, dass die Leute nun verstehen würden, was wir redeten.

Nach dem Themenblock um Wes Anderson kam Simone Lappert auf die Bühne – die gerade mit ihrem phantastischen Gedichtband “längst fällige Verwilderung” auf Tour war. Sie gehört für mich zu den besten und vielfältigsten Autor*innen der Gegenwart. Ihr Roman “Der Sprung” war für den Schweizer Buchpreis nominiert und ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

Und zu unserer unendlichen Erleichterung wurde es ein schöner Abend. Da wir diesmal Wes Anderson als Thema hatten, zeigten wir am Tag zuvor The Royal Tenenbaums – und sprachen nun über sein Schaffen, das wir mit einigen Videos aufzulockern versuchten.

Vor allem aber war es ein Glück, Simone Lappert als Gast zu haben, die nicht nur eine überragende Siedler-Spielerin ist, sondern auch vor Jahren die Idee für unser Format gehabt hatte. Wir sprachen mit ihr über Kinoerlebnisse und die immer noch ungenügende Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur – wie auch beim Film. Selbst The Royal Tenenbaums fiel durch den Bechdeltest. Passend dazu gab es auch unsere neue Kategorie: Das Bat-Mansplaining, angelehnt an die Serie aus den Sechzigerjahren, in der Batman tatsächlich ein veritabler Klugscheißer ist, der den ganzen Tag ungefragt Ratschläge von sich gibt, ob nun über Falschparken, Ernährung oder anderes.

Beim Quiz gab es verschiedene Fragen, zu Filmszenen, Soundtracks und Trivia. Am Ende spielten Rosh und Stephan einen Dialog nach und wir mussten erraten, aus welchem Film…

Bei den Besonders Seriösen Nachrichten und dem Nichtlachen-dürfen waren wir alle gleichermaßen schlecht, beim Quiz dagegen waren es vor allem wieder die Spielerinnen aus dem Publikum, die Christoph und mich mehrmals retteten. Mein Lieblingsmoment war aber, als wir alle Gedichte vortrugen. Erst Simone aus ihrem Band längst fällige Verwilderung, dann Christoph etwas von Heinz Ehrhardt, während ich es mit Robert Gernhardt und einem Gedicht von Gottffied Benn versuchte.

Das Schöne war für mich, mit Christoph an einem Tisch zu sitzen und alles teilen zu können. Das Scheitern, die Zweifel, aber auch die guten Momente. In unserer Rollenaufteilung ist eindeutig er der Seriöse, der sich gewissenhaft vorbereitete, während ich wie zu Schulzeiten völlig verplant immer alles auf den letzten Drücker machte. Am Schluss wurde abgestimmt, wen wir beim nächsten Mal featern werden, und zu unserer Freude votierte das Publikum für Sofia Coppola, die sich gegen Quentin Tarantino durchsetzte.

Tapfer trug auch Christoph ein Gedicht vor – obwohl seine Mutter im Publikum saß, eine Deutschlehrerin -, und alte Ängste getriggert wurden. Simone wiederum brachte ein “Bullshit”-Bingo mit, mit dem sich Stereotype aus Filmen entlarven ließen.

Wir haben noch immer viele Ideen, was wir besser machen können, längst ist noch nicht alles rund und auch das Publikum kann noch viel mehr einbezogen werden – aber am Ende waren wir unendlich erleichtert, den Menschen einen hoffentlich halbwegs unterhaltsamen Abend beschert zu haben. In Simones Gedichtband taucht an mehreren Stellen die Frage auf, wo man hier ungestört scheitern könne. Ich hoffe langsam, die Antwort ist: beim UTO late.

Und so möchten wir uns sehr bei allen bedanken, die kamen oder uns noch eine Chance gaben. Wir freuen wir uns auf die nächste Veranstaltung im Januar 2023; dann wieder unter der Woche ein bisschen Kino, Kultur und Quatsch, in einem alten Kino, an dem wir sehr hängen.

Das Quiz am Schluss, bei dem wir Verstärkung aus dem Publikum bekamen. Die Fotos machte Milutin Kostic, der uns wie das ganze “Uto”-Team großartig unterstützte.

 

Die erste Ausgabe (April 2022)

Vor der Katastrophenpremiere schrieb ich – nichtahnend, was uns und dem Publikum noch bevorstehen sollte – diese drei im Nachhinein rührend zuversichtlichen Absätze:

… Und ansonsten kommt wie im «Hotel Matze» angedroht etwas, das nichts mit Schreiben zu tun hat: das UTO Late. Schon vor Jahren gab es die Idee zu einer abgedrehten Kinoreihe mit Talk, dann kam die Pandemie – und so findet die Premiere erst diesen Ostersonntag statt, am 17. April im Zürcher «UTO»-Kino.

An meiner Seite ist Christoph Daniel von der Filmfirma DCM (u.a. Moonlight), mit dem ich schon viele epische Nerd-Diskussionen über Filme führte – bis jemand sagte, wir sollten das als Podcast machen. Das wollte ich aber nicht, Stichwort: «weniger senden», und so wird auch jetzt nichts aufgezeichnet. Wir nehmen jedenfalls bewusst nichts ernst, außer unsere Liebe zum Film. Und wer Lust auf einen Drink hat – das «Uto» hat oben im Saal eine Bar.

Bei der Premiere werden wir noch vieles ausprobieren und sicher auch Fehler machen. Wir hoffen auf einen schönen, späten Abend in einem altehrwürdigen Zürcher Programmkino.

Am Tag der Premiere vor dem “Uto” – noch optimistisch.

Was dann geschah:

Machen wir es kurz: Wer bei der Premiere dabei war, erlebte einen denkwürdigen Abend, denn es ging einfach alles schief. Wir zeigten mit The Room den vielleicht schlechtesten Film aller Zeiten – und vollbrachten anschließend das Kunststück, sogar noch chaotischer und konfuser zu sein. Statt über den Film zu reden – der alle ratlos und entgeistert zurückgelassen hatte, aber auch mit großem Redebedarf -, hetzten wir danach ganze zwei Stunden durch unser Programm, das wir in unserer Nervosität so fahrig und pflichtschuldig erfüllten, als würde jemand eine Waffe auf uns richten.

Von der ersten Sekunde an merkten wir auf der Bühne: Heute geht’s schief. Diese Erkenntnis bohrte sich fortan tief in unser überschaubares Selbstvertrauen und hing wie ein bleischweres Gewicht an jedem Wort, das wir von uns gaben.

Wie zwei feindliche Raumschiffe standen unsere sperrigen Tische auf der Bühne und trugen so ihren Teil zum “Gelingen” des Abends bei …

Wir saßen an unseren Monstertischen so grotesk weit auseinander, dass wir nie fühlen konnten, was der andere dachte, wodurch wir uns in unserer Verzweiflung immer weiter isolierten. Aus irgendwelchen Gründen glaubten wir allerdings, lustig sein zu müssen (warum nur?! Weder hatten wir Gagschreiber noch taten wir uns bisher sonderlich als Komiker hervor) und wärmten zudem Wochen nach der Oscar-Verleihung noch mal diese Veranstaltung und ihren Skandal auf, der allen im Saal längst wie ein schlechtes, halbverdautes Sandwich im Magen lag.

Die Mikros funktionierten größtenteils nicht, so dass wir kaum zu verstehen waren – was vermutlich besser so war. Ich glaube wirklich, kein Mensch im Publikum hatte nur die leiseste Ahnung, was wir da eigentlich taten oder wollten (wir wussten es jedenfalls nicht). Nachdem kurzfristig zwei Gäste abgesagt hatten, sprang dankenswerter Rosh ein, die aber eigentlich das Quiz moderierte.

Inzwischen hockten wir schon seit drei, gefühlt zehn Stunden da oben, und immer wieder bemerkten wir, wie jemand kopfschüttelnd rausging. Selbst Christophs Frau verließ – wie vorher angekündigt – irgendwann nach elf den Saal, während schon wieder eine unserer wenigen Pointen danebenging. Was wir auch versuchten, die Reaktion war stets in etwa diese.

Im Fußball würde man sagen: “An Ihnen lag es nicht.” Unsere Held*innen Rosh und Stephan, die immer für uns da waren.

Immerhin gab es eine mobile Bar auf der Bühne, von der wir in unserer Verzweiflung reichlich Gebrauch machten, so dass wir spätestens beim Quiz ordentlich angeschwipst waren, vielleicht auch betrunken. Dort halfen uns wunderbare Gäste aus dem Saal, die aus irgendwelchen Gründen noch nicht geflohen waren. Wobei Christoph und ich als Gastgeber am wenigsten wussten und selbst bei einfachsten Fragen scheiterten. Aber das spielte auch schon keine Rolle mehr.

Später fragten wir die völlig ermatteten bis seltsam erstarrten Leute aus dem Publikum, was wir hätten besser machen können. Die Antworten waren endlos, und es war wirklich verblüffend, wie viele unterschiedliche Fehler wir gemacht hatten. Nach drei oder vier Befragungen hatte man das Gefühl, nun wirklich alles an Kritikpunkten gehört zu haben. Aber dann kam immer noch jemand, die oder der noch mal ganz neue Dinge fand, die auch noch schlecht gewesen waren. Selbst am nächsten Tag und in den Wochen danach meldeten sich noch Menschen mit weiteren Hinweisen. Schade, dass es keine Aufzeichnung des Abends gibt, denn offenbar haben wir für alle Nachwuchs-Late-Talker*innen ein perfektes Beispiel abgegeben, wie man es am besten nicht macht.

Unser Fazit nach dem ersten Abend: Bitte nie wieder. Nie, nie wieder. Aber je mehr Zeit verstrich, desto öfter hatten wir das Gefühl: So können wir auch nicht aufhören. Wir gingen die konstruktive Kritik immer wieder durch, überlegten uns Lösungen. Und als die Wunden verheilt waren – und wir einen tollen Gast hatten – wagten wir tatsächlich eine zweite Ausgabe.

Beste Szene des Abends: Christoph erklärt den Leuten im Dönerladen das “Konzept” unseres Talks … Ich liebe ihn noch immer für den Spruch am Ende der Show: “Das einzig Professionelle heute Abend war unser Logo!”