„UTO late“ – Kinoreihe mit Talk in Zürich

Aus den Tiefen eines altehrwürdigen Zürcher Programmkinos kommt die Veranstaltungsreihe, nach der niemand verlangt hat: das UTO late. Wie es ist, ohne nennenswerte Erfahrung oder Talk-Skills so ein Format auf die Beine zu stellen – vom katastrophalen Scheitern des ersten Abends (nicht übertrieben, siehe weiter unten) bis zu den großen und kleinen Schritten unterwegs -, kann man hier nachlesen. Der Fortgang unseres Experiments wird nach jeder Ausgabe aktualisiert, so lange es den Filmtalk gibt.

Die fünfte Veranstaltung findet am 16. März statt.

 

Die vierte Ausgabe (Januar 2024)

Mit der winzigen Verspätung von einem Jahr kam es zur vierten Ausgabe von UTO late – und es wird langsam unheimlich, in welchem Missverhältnis unsere zeitliche Zuverlässigkeit zu der Qualität unserer phantastischen Gäste steht. So durften wir nach der Autorin Simone Lappert und der Musikerin Valeska Steiner diesmal die Schauspielerin Luna Wedler begrüßen. Der Aufhänger waren Pionierinnen des Kinos bzw. Actionstreifen der 1990er, beides vereint im Kultfilm Point Break von 1991. Denn der gehört nicht nur zu den Klassikern des Genres, sondern wurde auch von Kathryn Bigelow inszeniert – die später als erste Frau den Oscar als Regisseurin gewann.

Rechts: Patrick Swayze als krimineller Surfer-Hippie „Bodhi“. Links schmachtet: Keanu Reeves, ein junger Cop-Heißsporn und Teilzeit-Spanner, der tapfer gegen die Drehbuch-Dialoge ankämpft. Als er von einer Surferin abgewiesen wird, ruft er ihr als einzige Reaktion noch sinnlos hinterher: „The name is Johnny Utah!“

Da weder Luna noch ich Point Break gesehen hatten, trafen wir uns bereits am Vortag mit Christoph, um ihn gemeinsam zu sichten. Ich hatte insgeheim Trash erwartet und, nun ja, so kam es auch – allerdings war genau das auch sehr unterhaltsam, ob in absurden Dialogen oder in Szenen, die man heute dringend ironisch brechen würde, die damals jedoch mit rührender Ernsthaftigkeit vorgetragen wurden. Patrick Swayze überzeugte mich als Surfguru und Bankräuber, und Keanu Reeves (der noch nicht ahnen konnte, dass die 1990er einmal sein Jahrzehnt werden würden), spielte sich mit dem völlig unrealistischen Namen Johnny Utah und anderthalb cool-schmachtenden Gesichtsausdrücken in die Herzen der Zuschauenden.

Am Tag darauf ging es im Talk um Kathryn Bigelows Karriere und wie sie sich als Regisseurin in einem männerdominierten Umfeld zurechtfinden musste – fast wie die von Lori Petty gespielte Surferin, die im Film als Frau von lauter Männern umgeben ist. Auffällig waren die vielen für dieses Genre ungewöhnlich stark inszenierten Szenen, ob beim Fallschirmspringen, bei der Action oder auch in manchen Liebesmomenten. Wobei Christoph behauptete – und mit Videos zu beweisen versuchte – dass die wahre love story des Films zwischen Patrick Swayze und Keanu Reeves stattfand (dessen Blicke oft frappierend an Blue Steel erinnerten).

Lunas Lieblings-Pionierin Sofia Coppola passte perfekt zur „UTO late“-Ausgabe davor, in der wir die Regisseurin als Thema hatten – und „The Virgin Suicides“ zeigten

Unter dem Applaus des Publikums betrat Luna Wedler die Bühne. Nachdem sie unsere chaotische Schnellfragerunde souverän überstanden hatte, sprachen wir mit ihr über Point Break und ihren aktuellen, sehr stark gespielten Film Jakobs Ross. Über das Schweizer und Deutsche Kino, und ob Filmemacher:innen heute der Mut fehlt. Aber auch darüber, dass sie selbst gern mal Regie führen würde (allerdings nicht mit sich in der Hauptrolle, um das klar zu trennen), Sofia Coppola und welche Werke und Künstlerinnen sie zuletzt berührten (Aftersun von der Regisseurin Charlotte Wells, aber auch Maria Schrader).

Vor dem großen Quiz am Ende kam es wie immer zur UTO-Challenge: Wir mussten das tun, was unser Gast besonders gut kann. In diesem Fall spielten wir dem Publikum Monologe vor. Während Luna mit einem Vortrag aus American Beauty brillierte (die schwebende Tüte), fühlten Christoph und ich uns, als müssten wir direkt nach den Beatles antreten oder vom Zehnmeter-Brett einen Salto versuchen. Ich probierte es mit einem Monolog aus meinem deutschen Lieblingsfilm Absolute Giganten, Christoph hatte einen aus Silver Linings gewählt. Wie sehr wir damit ins Wasser platschten, bekamen wir vor Aufregung immerhin nicht mit.

Beim Gespräch über über unsere Oscar-Favoriten (Erschütternd und ein Muss: „Zone of Interest“. Bewegend: „Past Lives“. Ein Ereignis: „Poor Things“. Großartig gespielt: „Anatomie eines Falls“. Spaßig und clever: „Barbie“. Mein geheimer Favorit war aber am Ende: „Perfect Days“)

Und so ging die vorletzte klassische UTO late-Ausgabe spielerisch zu Ende. Auch wenn Christoph und ich vermutlich kein kurzes Format mehr hinbekommen werden, fühlte es sich zunehmend wie ein Heimspiel an, das später bei Drinks an der Saalbar noch entspannt ausklang.

Das Finale an diesem Ort steigt übrigens schon bald: Am 15. März zeigen wir den Film The Breakfast Club, die letzte Ausgabe im altehrwürdigen UTO findet dann am 16. März statt. Danach wird unser geliebtes Kino leider schließen, aber umso mehr wollen wir einen gebührenden Abschied feiern. Mit 80s-Karaoke, tollen Gästen, viel Wehmut und einer kleinen Party.

So in etwa fühlten wir uns bei unseren Monologen … Ein großes Dankeschön an Luna Wedler, die diesen Spaß mitmachte und ein wunderbarer Gast war. Ebenfalls ein DANKE an Noémi und Stephan, die uns sehr halfen, sowie Milu und dem UTO-Team. Wir hoffen, das Publikum hatte ebenfalls eine gute Zeit, schön dass ihr da wart. Bzw. die Abschiedsworte gehören per Link Johnny Utah!

 

Die dritte Ausgabe (Februar 2023)

Am 6. Februar fand wieder das UTO late statt. Mit der Musikerin Valeska Steiner von der Band BOY hatten wir erneut einen phantastischen Gast, doch zunächst ging es um das vom Publikum gewählte Thema «Sofia Coppola» und ihren Debütfilm The Virgin Suicides. Christoph hatte sich «wie immer» gut mit Fun Facts vorbereitet und stellte zudem Ähnlichkeiten zwischen Kubricks Lolita und der von Kirsten Dunst gespielten Hauptfigur Lux Lisbon her. Wir sprachen über die Romanvorlage von Jeffrey Eugenides und andere Hintergründe des Films von 1999, dem auch heute eine schwelgerische Melancholie innewohnt, der aber trotz seines schweren Themas – alle fünf Lisbon-Schwestern begehen Selbstmord (kein Spoiler, es wird im Film sofort erwähnt) – fast distanziert bleibt. Und natürlich ging es auch über das weitere Werk der Regisseurin, bis hin zu meinem Lieblingsfilm Lost in Translation.

Durfte nicht fehlen: Das „Bat-Mansplaining“ mit Ausschnitten aus der skurrilen 1960er-Jahre-Serie, in denen Batman die Welt erklärt. Diesmal: wieso Parkuhren wichtig sind.

Leider gab es eine traurige Nachricht: Unser Zuhause, das fast hundert Jahre alte Zürcher Uto-Kino, wird in einem guten Jahr schließen. Eine Tragödie, denn ein solch wichtiger kultureller Ort darf einfach nicht sterben. Wir fühlten uns dann auch wie die Musiker auf der Titanic. Unser Ziel: bis zum Untergang noch einige Feste feiern. Auch diesmal wurden wir von den UTO-Mitarbeiter*innen des Kinos um Milu und Simon phantastisch unterstützt, ebenso von von Rosh und Stephan. (Hier kann man eine Petition für den Erhalt des Kinos unterzeichnen)

Mit großem Applaus wurde Valeska Steiner auf die Bühne begleitet. Sie stellte sich unserer Schnellfragerunde – und hatte am Tag zuvor mit uns auch The Virgin Suicides gesehen, den wir im Kino gezeigt hatten. Im Film leiden die Lisbon-Schwestern nicht nur unter dem Hausarrest ihrer Mutter, sondern werden konstant von den Nachbarjungen beobachtet, die in die fünf Mädchen verliebt sind; natürlich alle chancenlos. Wir sprachen über unsere Jugend und wer unsere eigenen Lisbon-Sisters und Brothers waren. Tatsächlich war Valeska fast wie im Film in Zwillinge verknallt, die Christoph wiederum kannte und fast noch angerufen hätte (beim nächsten Mal müssen wir so einen Quatsch durchziehen), während Valeskas Mutter im Publikum saß, als es um das Thema Hausarrest ging.

Irgendwann kam die Frage auf, welche Harry Potter-Häuser wir als Jugendliche gehabt hätten, wobei Christoph zufällig eine geniale Mischform für sich fand: Slythindor. Darauf zogen Valeska (Huffledor) und ich (Gryffinpuff) nach.

Es ging aber auch darum, was Valeska wohl getan hätte, wenn sie nicht Musikerin geworden wäre (Schreiben!) und über die Brüche bei uns allen (etwa Christoph, der Dirigent hatte werden wollen bzw. mein jetziges Studium, das nichts mit Schreiben zu tun hat).

Das Highlight vor dem abschließenden Quiz war das gemeinsame Singen. Erst spielte Valeska den superben BOY-Song Drive Darling, dann trat als Überraschung Christoph mit Gitarre auf und sang You Can Never Hold Back Spring von Tom Waits. Und das nicht einfach nur okay, sondern tatsächlich wunderbar (ich suchte den Song später im Netz, aber die beste Covernummer blieb eindeutig die von ihm). Zum Abschluss traten wir noch gemeinsam mit Playground Love an, dem von Air geschriebenen Titelsong aus The Virgin Suicides. Wobei es Einfacheres gibt, als zwischen zwei so starken Sänger*innen auf der Bühne zu stehen. Andererseits: Wenn schon vor Publikum eine ganze Strophe mit Refrain singen, dann so (und Christoph hatte letztes Mal ja auch tapfer mitgemacht, als Simone Lappert und ich Gedichte vortrugen).

Valeska beim BOY-Song „Drive Darling“, mit dem sie das Kinokonzert einleitete und das Publikum berührte. Wie schön, dass sie an diesem Abend dabei war!

Und so ging bei Drinks an der Saalbar die dritte Ausgabe des UTO late zuende. Es war für uns schön zu beobachten, dass wir uns trotz ein paar Wacklern (wir können kürzer sein, das Publikum noch mehr einbeziehen) endlich sicher auf der Bühne fühlten. Kein Vergleich zum Desaster der ersten Show, stattdessen das erste Mal ein Heimspiel. Umso mehr freuen wir uns auf die vierte Veranstaltung, die vermutlich im Juni stattfindet. Dann geht es – das Publikum hat abgestimmt und sich gegen Tarantino entschieden – mit Kathryn Bigelow um die erste Frau, die den Regie-Oscar bekam. Zeigen werden wir ihren Film Point Break.

 

Die zweite Ausgabe (Oktober 2022)

Das Gute am zweiten Abend war – und dieser Spruch ist ausnahmsweise mal nicht kokettiert – es konnte unmöglich schlechter werden. In den Monaten nach der ersten Show hatten wir uns mit Erinnerungen an unser Versagen gequält („Weißt du noch, wie das auch noch danebenging?“), uns immer wieder Asche aufs Haupt geschmiert und Besserung gelobt.

Unsere Erste-Hilfe-Maßnahmen: Vielleicht waren über vier Stunden „ein bisschen“ viel. Wir würden den Film also nicht mehr am selben Abend zeigen wie unseren Talk, sondern am Tag davor. Mit der Autorin Simone Lappert hatten wir im Gegenzug einen hochkarätigen Gast gewonnen. Gemeinsam hatten wir uns lustige und ernste Fragen für sie überlegt, neue Bühnendekorationen organisiert und beschlossen, von nun an beide am selben Tisch zu sitzen. Dazu gab es diesmal Handmikros – auch auf die Gefahr hin, dass die Leute nun tatsächlich verstehen würden, was wir redeten.

Nach dem Themenblock um Wes Anderson kam Simone Lappert auf die Bühne – die gerade mit ihrem phantastischen Gedichtband „längst fällige Verwilderung“ auf Tour war. Sie gehört für mich zu den besten und vielfältigsten Autor*innen der Gegenwart. Ihr Roman „Der Sprung“ war für den Schweizer Buchpreis nominiert und ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

Und zu unserer unendlichen Erleichterung wurde es ein schöner Abend. Da wir diesmal Wes Anderson als Thema hatten, zeigten wir am Tag zuvor The Royal Tenenbaums – und sprachen nun über sein Schaffen, das wir mit einigen Videos aufzulockern versuchten.

Vor allem aber war es ein Glück, Simone Lappert als Gast zu haben, die nicht nur eine überragende Siedler-Spielerin ist, sondern auch vor Jahren die Idee für unser Format gehabt hatte. Wir sprachen mit ihr über Kinoerlebnisse und die immer noch ungenügende Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur – wie auch beim Film. Selbst The Royal Tenenbaums fiel durch den Bechdeltest. Passend dazu gab es auch unsere neue Kategorie: Das Bat-Mansplaining, angelehnt an die Serie aus den Sechzigerjahren, in der Batman tatsächlich ein veritabler Klugscheißer ist, der den ganzen Tag ungefragt Ratschläge von sich gibt, ob nun über Falschparken, Ernährung oder anderes.

Beim Quiz gab es verschiedene Fragen, zu Filmszenen, Soundtracks und Trivia. Am Ende spielten Rosh und Stephan einen Dialog nach und wir mussten erraten, aus welchem Film…

Bei den Besonders Seriösen Nachrichten und dem Nichtlachen-dürfen waren wir alle gleichermaßen schlecht, beim Quiz dagegen waren es vor allem wieder die Spielerinnen aus dem Publikum, die Christoph und mich mehrmals retteten. Mein Lieblingsmoment war aber, als wir alle Gedichte vortrugen. Erst Simone aus ihrem Band längst fällige Verwilderung, dann Christoph etwas von Heinz Ehrhardt, während ich es mit Robert Gernhardt und einem Gedicht von Gottfried Benn versuchte.

Das Schöne war für mich, mit Christoph an einem Tisch zu sitzen und alles teilen zu können. Das Scheitern, die Zweifel, aber auch die guten Momente. In unserer Rollenaufteilung ist eindeutig er der Seriöse, der sich gewissenhaft vorbereitete, während ich wie zu Schulzeiten völlig verplant immer alles auf den letzten Drücker machte. Am Schluss wurde abgestimmt, wen wir beim nächsten Mal featern werden, und zu unserer Freude votierte das Publikum für Sofia Coppola, die sich gegen Quentin Tarantino durchsetzte.

Tapfer trug auch Christoph ein Gedicht vor – obwohl seine Mutter im Publikum saß, eine Deutschlehrerin -, und alte Ängste getriggert wurden. Simone wiederum brachte ein „Bullshit“-Bingo mit, mit dem sich Stereotype aus Filmen entlarven ließen.

Wir haben noch immer viele Ideen, was wir besser machen können, längst ist noch nicht alles rund und auch das Publikum kann noch viel mehr einbezogen werden – aber am Ende waren wir unendlich erleichtert, den Menschen einen hoffentlich halbwegs unterhaltsamen Abend beschert zu haben. In Simones Gedichtband taucht an mehreren Stellen die Frage auf, wo man hier ungestört scheitern könne. Ich hoffe langsam, die Antwort ist: beim UTO late.

Und so möchten wir uns sehr bei allen bedanken, die kamen oder uns noch eine Chance gaben. Wir freuen wir uns auf die nächste Veranstaltung im Januar 2023; dann wieder unter der Woche ein bisschen Kino, Kultur und Quatsch, in einem alten Kino, an dem wir sehr hängen.

Das Quiz am Schluss, bei dem wir Verstärkung aus dem Publikum bekamen. Die Fotos machte Milutin Kostic, der uns wie das ganze „Uto“-Team großartig unterstützte. Unser Dank auch an Simone, die ein wunderbarer Gast war.

 

Die erste Ausgabe (April 2022)

Vor der Katastrophenpremiere schrieb ich – nichtahnend, was uns und dem Publikum noch bevorstehen sollte – diese drei im Nachhinein rührend zuversichtlichen Absätze:

… Und ansonsten kommt wie im «Hotel Matze» angedroht etwas, das nichts mit Schreiben zu tun hat: das UTO Late. Schon vor Jahren gab es die Idee zu einer abgedrehten Kinoreihe mit Talk, dann kam die Pandemie – und so findet die Premiere erst diesen Ostersonntag statt, am 17. April im Zürcher «UTO»-Kino.

An meiner Seite ist Christoph Daniel von der Filmfirma DCM (u.a. Moonlight), mit dem ich schon viele epische Nerd-Diskussionen über Filme führte – bis jemand sagte, wir sollten das als Podcast machen. Das wollte ich aber nicht, Stichwort: «weniger senden», und so wird auch jetzt nichts aufgezeichnet. Wir nehmen jedenfalls bewusst nichts ernst, außer unsere Liebe zum Film. Und wer Lust auf einen Drink hat – das «Uto» hat oben im Saal eine Bar.

Bei der Premiere werden wir noch vieles ausprobieren und sicher auch Fehler machen. Wir hoffen auf einen schönen, späten Abend in einem altehrwürdigen Zürcher Programmkino.

Am Tag der Premiere vor dem „Uto“ – noch optimistisch.

Was dann geschah:

Machen wir es kurz: Wer bei der Premiere dabei war, erlebte einen denkwürdigen Abend, denn es ging einfach alles schief. Wir zeigten mit The Room den vielleicht schlechtesten Film aller Zeiten – und vollbrachten anschließend das Kunststück, sogar noch chaotischer und konfuser zu sein. Statt über den Film zu reden – der alle ratlos und entgeistert zurückgelassen hatte, aber auch mit großem Redebedarf -, hetzten wir danach ganze zwei Stunden durch unser Programm, das wir in unserer Nervosität so fahrig und pflichtschuldig erfüllten, als würde jemand eine Waffe auf uns richten.

Von der ersten Sekunde an merkten wir auf der Bühne: Heute geht’s schief. Diese Erkenntnis bohrte sich fortan tief in unser überschaubares Selbstvertrauen und hing wie ein bleischweres Gewicht an jedem Wort, das wir von uns gaben.

Wie zwei feindliche Raumschiffe standen unsere sperrigen Tische auf der Bühne und trugen so ihren Teil zum „Gelingen“ des Abends bei …

Wir saßen an unseren Monstertischen so grotesk weit auseinander, dass wir nie fühlen konnten, was der andere dachte, wodurch wir uns in unserer Verzweiflung immer weiter isolierten. Aus irgendwelchen Gründen glaubten wir allerdings, lustig sein zu müssen (warum nur?! Weder hatten wir Gagschreiber noch taten wir uns bisher sonderlich als Komiker hervor) und wärmten zudem Wochen nach der Oscar-Verleihung noch mal diese Veranstaltung und ihren Watschen-Skandal auf, der allen im Saal längst wie ein schlechtes, halbverdautes Sandwich im Magen lag.

Die Mikros funktionierten größtenteils nicht, so dass wir kaum zu verstehen waren – was vermutlich besser so war. Ich glaube wirklich, kein Mensch im Publikum hatte nur die leiseste Ahnung, was wir da eigentlich taten oder wollten (wir wussten es jedenfalls nicht). Nachdem kurzfristig zwei Gäste abgesagt hatten, sprang dankenswerter Rosh ein, die aber eigentlich das Quiz moderierte.

Inzwischen hockten wir schon seit drei, gefühlt zehn Stunden da oben, und immer wieder bemerkten wir, wie jemand kopfschüttelnd rausging. Selbst Christophs Frau verließ – wie vorher angekündigt – irgendwann nach elf den Saal, während schon wieder eine unserer wenigen Pointen danebenging. Was wir auch versuchten, die Reaktion war stets in etwa diese.

Im Fußball würde man sagen: „An Ihnen lag es nicht.“ Unsere Held*innen Rosh und Stephan, die immer für uns da waren.

Immerhin gab es eine mobile Bar auf der Bühne, von der wir in unserer Verzweiflung reichlich Gebrauch machten, so dass wir spätestens beim Quiz ordentlich angeschwipst waren, vielleicht auch betrunken. Dort halfen uns wunderbare Gäste aus dem Saal, die aus irgendwelchen Gründen noch nicht geflohen waren. Wobei Christoph und ich als Gastgeber am wenigsten wussten und selbst bei einfachsten Fragen scheiterten. Aber das spielte auch schon keine Rolle mehr.

Später fragten wir die völlig ermatteten bis seltsam erstarrten Leute aus dem Publikum, was wir hätten besser machen können. Die Antworten waren endlos, und es war wirklich verblüffend, wie viele unterschiedliche Fehler wir gemacht hatten. Nach drei oder vier Befragungen hatte man das Gefühl, nun wirklich alles an Kritikpunkten gehört zu haben. Aber dann kam immer noch jemand, die oder der noch mal ganz neue Dinge fand, die auch noch schlecht gewesen waren. Selbst am nächsten Tag und in den Wochen danach meldeten sich noch Menschen mit weiteren Hinweisen. Schade, dass es keine Aufzeichnung des Abends gibt, denn offenbar haben wir für alle Nachwuchs-Late-Talker*innen ein perfektes Beispiel abgegeben, wie man es am besten nicht macht.

Unser Fazit nach dem ersten Abend: Bitte nie wieder. Nie, nie wieder. Aber je mehr Zeit verstrich, desto öfter hatten wir das Gefühl: So können wir auch nicht aufhören. Wir gingen die konstruktive Kritik immer wieder durch, überlegten uns Lösungen. Und als die Wunden verheilt waren – und wir einen tollen Gast hatten – wagten wir tatsächlich eine zweite Ausgabe.

Beste Szene des Abends: Christoph erklärt den Leuten im Dönerladen das „Konzept“ unseres Talks … Ich liebe ihn noch immer für den Spruch am Ende der Show: „Das einzig Professionelle heute Abend war unser Logo!“